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Medienkompetenz ja – aber richtig !!

Vortrag von Dr. Rainer Patzlaff, 26. April 2016, 19:30 Uhr

Bildschirm-Medien sind keine gewöhnlichen Geräte, mit denen ein vernünftiger Umgang leicht erlernt werden kann. Ganz unabhängig vom Inhalt entfalten sie – wenig bekannt – starke physiologische Wirkungen auf den gesamten Organismus und üben einen enormen psychischen Sog aus, der bis hin zur Sucht gehen kann.

Andererseits sind die Medien aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken, und eine echte Medienkompetenz gehört zur Grundausstattung jedes Heranwachsenden. Wie erreichen wir sie? Rainer Patzlaff

Rainer Patzlaff ist kein Gegner von Medien, tritt aber kompromisslos für eine Stärkung der Kindheit ein, ohne die eine wirkliche Medienkompetenz gar nicht möglich ist. Zahlreiche moderne Forschungsergebnisse sprechen für den Erfolg seines Ansatzes.

rainer patzlaff 2Dr. Rainer Patzlaff ist international bekannt als erfahrener Waldorflehrer, Publizist und Medienforscher. Er leitet seit 2001 das von ihm gegründete Institut IPSUM in Stuttgart, das sich u.a. mit Forschungsprojekten zum Zusammenhang Gesundheit und Pädagogik beschäftigt und als Ausbildungsort für Elternberater und Medienpädagogen bekannt wurde. 2010 übernahm er den Lehrstuhl für Kindheitspädagogik an der Alanus-Hochschule in Alfter (bei Bonn) und leitete dort bis 2014 den Aufbau der Studiengänge zur Kindheitspädagogik. Sein Buch „Der gefrorene Blick“ ist seit Jahren ein Klassiker zum Thema Medienpädagogik.

 

 Pressebericht zum Vortrag

Hoher Fernsehkonsum ist Kindesmisshandlung“

Vortrag über wissenschaftliche Beweise zur Suchtgefahr von Fernseher und Computer

Eisenach. Dass ein wissenschaftlicher Vortrag spannend wie ein Krimi sein kann, bewies der international bekannte Dozent und Autor Prof. Rainer Patzlaff mit dem Thema „Medienkompetenz ja – aber richtig“ in der Freien Waldorfschule Eisenach/Wartburgkreis. „Ich will die modernen Medien nicht verdammen“, betonte er am Anfang, „wer möchte auf sie verzichten?“ Dank dieser Medien seien die Menschen unabhängig von der Meinungsherrschaft der Obrigkeit geworden, „sie sind ein Beitrag zur Befreiung“. Allerdings könne mit dem gleichen Instrument das Gegenteil erreicht werden: „Sie dienen der Ausspionierung und Manipulation, das ist in höchstem Maße bedrohlich“, so der Professor für Kindheitspädagogik, bekannt durch sein Buch „Der gefrorene Blick“. Dabei gehe es nicht nur um das Sammeln von Daten für kommerzielle Zwecke - hier werde raffiniert das Wissen genutzt, wie man Massen führt, verführt und regiert. Die Diskussion zur Medienkompetenz geht ihm nicht weit genug, denn dabei werde immer beruhigt, es seien normale technische Geräte, mit denen nur vernünftig umgegangen werden müsse. Für Patzlaff eine Lüge: „Es ist eine gewaltige Herausforderung, nur die befreiende Wirkung dieser Geräte zu nutzen und von der unterjochenden verschont zu bleiben“. Jeder könne sich fragen, ob er hier „noch Herr oder längst Knecht ist“.

Smartphone ist die Hauptursache für Unfälle“

Als Beweis für die „psychische Sogwirkung“ führte er Statistiken an: Mehr als fünf Stunden verbringen Erwachsene durchschnittlich pro Tag vor dem Fernseher, bei kleinen Kindern sind es mehr als zwei Stunden. Die Fernsehsucht sei von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt, und während er vor zehn Jahren als Warner vor Computersucht noch für verrückt erklärt worden sei, werde auch diese wissenschaftlich bestätigt. Er verwies auf LAN-Partys, bei denen die Besucher oft ein Wochenende vor dem Bildschirm verbringen, unterbrochen nur vom Gang zur Toilette. Aus den aktuellen Nachrichten ein weiteres Beispiel: Ein erfahrener Fahrdienstleiter ließ zwei Züge aufeinander prallen, weil er in Computerspiele vertieft war. „Das Smartphone gilt mittlerweile als Hauptursache für Unfälle“, betonte Patzlaff. Und er verwies auf die „Hikikomori“ in Japan: Jugendliche, die Monate bis Jahre nur vor dem Bildschirm verbringen, „das sind lebende Leichen“.

In Deutschland werde von hunderttausenden Bildschirm-Süchtigen ausgegangen, hinzu kämmen die Millionen Adipositas-Kranken. In Amerika habe man lange nach den Ursachen dieser „Massenepidemie“ geforscht, die unter anderem dazu führe, dass schon Kinder Altersdiabetes bekommen und viele Betroffene vor ihren Eltern sterben. Nicht nur die Ernährung sei als Auslöser wissenschaftlich erwiesen sondern in viel höherem Maße extensiver Fernsehkonsum.

Eine Ursache für die Suchtgefahr sieht er darin, dass die Bildschirme bewusst so konzipiert seien, dass sie die Nutzer „einsaugen“. Das sei ihm von der Industrie bestätigt worden: „Immersion“ heiße das Fachwort, „und die wird bewusst weiter erhöht“. Deshalb sei es falsch, Mediengeräte als ungefährlich und Medienkompetenz als erlernbar darzustellen. „Man kann nur die Widerstandskraft erwerben, dem Sog nicht zu verfallen“, so Patzlaff.

Fernsehen zwingt zum Glotzblick“

Hier schlägt er die Brücke zur Salutogenese als Wissenschaft zu den Ursachen von Gesundheit, gegründet mit dem Wissen, dass manche Überlebende von Konzentrationslagern trotz der widrigen Bedingungen gesund blieben. „Es gibt geistig-seelische Faktoren für Gesundheit“, erklärte der Forscher. Resilienz nenne sich die Fähigkeit, Attacken unbeschadet zu überstehen - „eine Kraft, am Widerstand stark zu werden“, und die sei nicht angeboren sondern müsse errungen werden. Jedes Neugeborene schule diese Kraft, in dem es sich erst mit dem Körper und später mit der Welt auseinander setze. Sie entstehe nur durch Eigenerfahrung, könne also nicht durch Erfahrung aus zweiter Hand wie am Bildschirm ersetzt werden. Auch das Gehirn entwickle sich nicht von selbst sondern nur durch die Tätigkeit des Kindes, „Gehirne sind so verschieden wie Gesichter“. Der Aufbau dieser Strukturen mit „höchster kämpferischer Kraft“ fördere die Resilienz und damit den Schutz vor späterer Sucht.

Musizierten ist die beste Vorsorge“

Weiter ging es zu den Sinnen, die nicht passive Aufnahmegeräte seien sondern eigenaktiv reagierten. So erstelle das Auge im Normalfall kein photografisches Abbild wie lange gelehrt sondern zeichne es durch schnellste Bewegungen. Der Bildschirm blockiere diese Fähigkeit und zwinge die Augen zum „Glotzblick“ - daher der Begriff „Glotze“. Dadurch werde die Willensaktivität gelähmt und gleichzeitig die dringend benötigte Resilienz. „Die Auswirkungen sind erschütternd nachweisbar“, betonte Patzlaff, zwei Stunden Fernsehen am Tag hält er für „Kindesmisshandlung“. Er verwies auf die Studien eines Göppinger Arztes, der jahrzehntelang die Menschenzeichnungen von Vorschulkindern mit deren Fernsehkonsum verglichen hatte. Das Ergebnis: Kinder mit hohem Konsum zeichneten unvollständige, falsch proportionierte Körper, und da sie sich in diesem Alter immer selbst zeichneten, heiße das, sie seien nicht im Körper angekommen und nicht schulreif – das seien die zappeligen Kinder mit angeblichem ADHS-Syndrom. „Da wird die Bildungsbiografie und damit die Zukunft vermasselt“, kritisierte Patzlaff.

Medienkompetenz ist für ihn im Kindesalter mit Medien-Abstinenz gleichzusetzen. Als weitere Prophylaxe nannte er „sinnvolle Bewegung“ und Musizieren, optimal in Gemeinschaft. Mittlerweile würden manche Kommunen sozial schwachen Kindern den Musikunterricht bezahlen weil das billiger sei als später gescheiterte Existenzen zu finanzieren. Auch Eurythmie hält Patzlaff für wichtig, ebenso wie alle künstlerischen Fächer. Er rief dazu auf, sie nicht mit Blick auf das Abitur zugunsten der kognitiven Fächer zu vernachlässigen.

Sein Schlussappell: „Modern sein ist nicht, das tun, was alle tun, sondern mutig gegen den Strom für das einzustehen, was man als richtig erkannt hat“.

Susanne Sobko

Erstellt: Mittwoch, 22. Februar 2017 08:44

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