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Mörder im Namen der Menschlichkeit?

Achtklässler der Waldorfschule begeistern mit einem Stück über die Französische Revolution

Eisenach. Minutenlangen, heftigen Beifall erhielten die Schüler der 8. Klasse der Freien Waldorfschule Eisenach/Wartburgkreis für das von ihnen aufgeführte Stück "Freiheit" nach Inge Ott und einer Vorlage von der Waldorfschule Münster, die Regisseur Konrad Kümmerle für die Eisenacher bearbeitete.

Mit hohen Träumen ziehen anfangs sechs Jugendliche aus einem kleinen Dorf in die Französische Revolution und wollen in Paris für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit kämpfen. Da ist Pierre, brennend vor Ungeduld. Clement, mit einem verkrüppelten Bein. Marcel, ein feinsinniger Musiker. Nicole, die empfindsame Schöne. Und da sind René und Régine, sanftmütige Geschwister. Im nächtlichen Kampf verlieren sich die Freunde, müssen nun jeder für sich das Schicksal meistern.

Fragen, die uns noch heute beschäftigen

Régine bedient in einem Café und geht in ihrem Mitgefühl so weit, dass sie die Ermordung des Königs verhindern will. Clement arbeitet als Schreiber und hadert damit, dass er sich für unbrauchbar für die Revolution hält. Marcel wird zum Bettler und hilft einem, dem es noch schlechter geht. Nicole ist Fischverkäuferin und träumt von der Liebe. René schockiert die Grausamkeit des Volkes, er sagt Sätze wie "Man muss sich daran gewöhnen, auf einem Haufen von Leichen gut zu schlafen". Pierre ist schockiert darüber, wie ihn der Sog der Masse zum hemmungslosen Mörder macht – um seine Schuld zu sühnen und "das Konto auszugleichen", mordet er nun im Namen der Konterrevolution.

Es gibt auch den Arzt Guilloton, der stolz auf die von ihm erfundene Hinrichtungs-Maschine ist, die "auf humane Weise tötet". Und es gibt die Adligen, die vorgaukeln, sie würden die Revolution unterstützen, jedoch planen sie die Konterrevolution.

Es ist kein leicht verdauliches Stück, das sich die Achtklässler ausgesucht haben. Es gibt sie nicht, d?i?e Guten und d?i?e Bösen: Auf allen Seiten, in allen Gesellschaftsschichten sind Gierige, Hinterhältige, Brutale, und überall gibt es auch die Anderen, die sich ihre Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft bewahren. Gnadenlos offenbart das Stück menschliche Schwächen und Abgründe. Es ist kein Stück, das Fragen beantwortet, sondern stattdessen viele aufwirft – zu Recht und Unrecht, Gewissen und Pflichtgefühl, Idealen und Träumen. Fragen, die uns heute genauso beschäftigen sollten wie vor 300 Jahren.

Die Schüler spielen mit erstaunlicher Präsenz, Klarheit und Hingabe. Auch für Kostüme, Technik, Maske und Musik waren sie mitverantwortlich, und auch hierfür haben sie viel Lob verdient, ebenso wie die Eltern und Lehrer, die das Bühnenbild gestaltet haben. Live gespielte Musikstücke, Tanz und Artistik sowie eine berührende, anmutige Eurhythmie-Darbietung bereichern das Stück zusätzlich – auf diese Aufführung können alle Beteiligten sehr stolz sein!

Susanne Sobko / 05.04.17

Erstellt: Mittwoch, 10. Mai 2017 12:04

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